Insel-
land
Jamie
Aspinall






Klappentext:
Im Abschluss der Trilogie ist Rose im Auftrag des Ordens des Lichts auf geheimer Mission zur mysteriösen Feuerinsel unterwegs. Doch hinter der Fassade brodelt es: Rose weiß nicht mehr, wem sie noch trauen kann. Währenddessen kämpfen ihre Freunde mit den Folgen eines ewig währenden Winters. Der Hunger setzt nicht nur den Bewohnern des Königreichs zu, auch uralte Geschöpfe aus dem Räuberwald erwachen.

Zahlreiche Gefahren müssen überwunden werden, bis sich die beiden Handlungsstränge in einem gewaltigen Finale vereinen. Dabei geht es um nichts Geringeres als der Zukunft der Welt.

“Inselland” ist ein vielschichtiger und spannender, klassischer Fantasyroman mit facettenreichen Charakteren und atmosphärisch erzählten Schauplätzen.





Prolog

Eine Gestalt in dunkler Robe, das Gesicht tief in die Kapuze gehüllt, überquerte den gepflasterten Platz der Unterstadt. Sie schritt vorbei an Händlern, die lautstark ihre Waren priesen, und an Wachen mit langen roten Umhängen, deren Blicke misstrauisch durch die Menge glitten. Dann bog sie in eine schmale Gasse ein – der Lärm des Marktes verstummte augenblicklich, und nur das dumpfe Echo ihrer schwer beschlagenen Stiefel hallte auf dem Pflaster wider. Zielstrebig bewegte sie sich durch das Labyrinth aus engen Gassen, vorbei an schäbigen Hauseingängen, Abfallhaufen und verrottenden Holzkisten. Bald tauchte vor ihr ein kleiner Laden auf, dessen verblasstes Schild den Namen „Oma Fortunas Teewelt“ trug. Vor dem Laden saß eine alte Frau mit hochgestecktem Haar – offenbar die namensgebende Besitzerin. Die dunkle Gestalt verlangsamte ihre Schritte.
„Der Mond steht heute klar am Himmel“, sagte sie leise.
„Zwei Gulden“, erwiderte die Alte und löste die runzligen Hände aus ihrem Schoß. Die Gestalt legte ihr zwei Münzen in die Hand und trat ohne Zögern in den Laden. Drinnen war es dämmrig, der Geruch von Kräutern und Staub lag in der Luft. Sie wandte sich nach rechts, öffnete eine kleine Tür und schloss sie sorgfältig hinter sich. In der engen Kammer stand ein mannshoher Schrank. Die Gestalt steckte einen Schlüssel ins Schloss, drehte ihn fünfmal gegen den Uhrzeigersinn, bis ein leises Knacken ertönte, und trat zurück. Lautlos öffneten sich die Flügel des Schranks – wie von Geisterhand. Sie trat hindurch.
Auf der anderen Seite öffnete sich eine belebte Gasse, gesäumt von Läden und Menschen aller Art: die Mondscheingasse. Gemächlich setzte sie ihren Weg fort, vorbei an einer Zauberin mit dunklen Augenringen, ein paar schlanken Dieben in schwarzen Mänteln und mehreren kahlrasierten, tätowierten Gestalten, die unübersehbar zur Bande des Butchers gehörten. Ihr Blick glitt über den ersten Laden, der allerlei Klappmesser und Fallmechanismen feilbot. Der nächste hatte sich auf Dietriche, Haken und Seilwinden spezialisiert.
Da stieß sie hart mit einem Mann zusammen, der sich sofort wütend umdrehte. „Was willst du, Fratz?!“ brüllte er und hob drohend die Fäuste. Die Gestalt griff unter ihren Umhang. Augenblicklich schoss ein kleiner Stern aus Metall durch die Luft und traf den Mann am Hals. Der Grobian verstummte sofort, er griff mit den Hände an die Kehle und begann heiser zu krächzen. Sekunden später sackte er bewusstlos zu Boden. Unbeeindruckt setzte die Gestalt ihren Weg fort, bis sie vor einem Laden stehen blieb, dessen Schaufenster von einem alten roten Teppich verdeckt war.

Ein Schild an der Tür verkündete: „Geschlossen.“

Die Gestalt öffnete die Tür und trat ein. Auf beiden Seiten der Theke standen Regale voller Flaschen, Gläser und Schalen. In einigen schwammen Körperteile und seltsame Kreaturen, andere enthielten Tinkturen, deren Etiketten mit geheimnisvollen Schriftzeichen versehen waren. Hinter der Theke saß eine Frau mittleren Alters mit kurz geschnittenem, graublondem Haar. Trotz der Düsternis trug sie eine Brille mit dunklen Gläsern. Als die Gestalt eintrat, hob die Frau den Kopf. „Ihr könnt wohl nicht lesen?“ fragte sie spöttisch. Darauf zog der Fremde die Kapuze zurück. Sein Gesicht wurde sichtbar. Erstaunen glitt über ihre Züge. „Ihr? Ich dachte, Ihr wärt …“ „Lassen wir die Höflichkeiten“, unterbrach er sie kühl und reichte ihr einen Zettel. Sie überflog den Inhalt und runzelte die Stirn. „Alexais Dela? Nicht verwunderlich. Man sucht Euch im ganzen Imperium.“ Die Frau öffnete mehrere Schubladen. Nach einem leisen Pfiff stellte sie ein Dutzend Ampullen auf den Tisch. „Ihr wisst, wie man sie anwendet?“ fragte sie. Der Mann schwieg.
Sie hob eine der Ampullen ins Licht. Die Flüssigkeit darin war dunkelrot, von feinen, glitzernden Partikeln durchzogen. Unter der Theke öffnete sie eine weitere Schublade und stellte einen Beutel auf den Tisch. Sorgsam öffnete sie ihn. Augenblicklich erhellte ein kaltes Leuchten den dunklen Raum: Der Beutel war voller Perlen, die hell strahlten. „In der Flüssigkeit auflösen, dann trinken – und den passenden Spruch sprechen“, erklärte sie ruhig. „Es ist überaus schmerzhaft. Wählt den Ort der Einnahme also mit Bedacht. Es sei denn, Ihr wollt die Stadtwachen auf Euch aufmerksam machen.“

Sie drehte die Ampulle in den Fingern. „Der Trank muss jede Woche erneuert werden, sonst verliert er seine Wirkung. Auch das ist – schmerzhaft.“ Ein spitzes Lächeln glitt über ihr Gesicht. „Diese Tinktur ist im gesamten Imperium unter Todesstrafe verboten.“ „Ich weiß“, murmelte der Mann. „Und dass der Preis hoch ist.“ „Sehr hoch“, bestätigte sie und legte die Ampulle zurück. „Aber ich habe gehört, Ihr habt neue Quellen erschlossen?“ Die Gestalt schwieg. Dann löste sie einen kleinen Beutel vom Gürtel und legte ihn auf den Tisch. Sie löste den Knoten des Beutels und liess den Inhalt auf die Theke fallen. Einige Saphire und Diamanten purzelten heraus, blitzten kurz auf und Minerva liess einen leisen Pfiff ertönen.

„Ihr bewegt Euch auf dünnem Eis, Minerva, wenn Ihr Eure Nase in Dinge steckt, die Euch nichts angehen.“ Minerva zuckte merklich zusammen, und packte den Inhalt zusammen, nahm den Beutel und nickte. „Nun gut. Ich habe die Warnung verstanden. Viel Freude mit Eurem kleinen Geheimnis.“ Minerva verzog die Lippen zu einem spöttischen Lächeln, dann wandte sie sich ab und vertiefte sich wieder in ihr Buch, während die dunkle Gestalt die Ampullen sorgfältig einsteckte und den Laden verließ.

 


Kapitel 1: Auf hoher See

Rund war das Bullauge ihrer Kabine, und die Aussicht dahinter blieb Tag für Tag dieselbe: blaues Meer und grauer Himmel, Wellen mit weißer Gischt – mal höher, mal flacher. Nur die wechselnden Tageszeiten verliehen dem Bild hin und wieder andere Farbtöne. Auch die Geräusche änderten sich kaum: das Knirschen der Balken, das stetige Rauschen der Wellen – alles blieb gleich, Tag für Tag, Nacht um Nacht. Dabei hatte alles so spektakulär begonnen. Die Ankunft bei Nacht, als sie an Bord kam – begleitet vom gewaltigen Brand in den Lagerhäusern des Hafens, dessen Flammen die Stadt in flackerndes Licht tauchten. Dann die Abfahrt im Morgengrauen, als die Sonne violettrote Strahlen über das Meer warf und das Land langsam im Dunst verschwand. Rose hatte damals an der Reling gestanden, atmete die frische Meeresluft und ließ das Farbenspiel auf sich wirken.

Nie hätte sie ahnen können, welche Eintönigkeit sie später erwarten würde. In den ersten Tagen war das Festland noch als schmaler Streifen am Horizont zu sehen gewesen – zur einen Seite die gelben Wüsten des Dünenlandes, zur anderen die endlosen Wälder des großen Räuberwaldes, die sich bis zur Küste erstreckt hatten. Dann kam nur noch Wasser. Wasser und Horizont. Eine Monotonie, die selbst sie kaum ertrug.

Rose setzte sich auf. Ihre Koje bestand aus einem schmalen Klappbett und einer Kiste, in der sie ihre Wechselkleider und ein paar persönliche Dinge aufbewahrte. Natürlich war sie froh, der Dunkelhaft entkommen zu sein – und doch nagten das Nichtstun und die Leere an ihr. Als Passagierin wurde von ihr nicht viel erwartet: Sie sollte in ihrer Kabine bleiben und zu den Mahlzeiten erscheinen. Mehr nicht. Zudem wusste sie auch nach einer Woche auf See nicht, warum sie eigentlich bei der Expedition dabei war. Rose zog ihren Mantel an, stülpte die Mütze über und trat hinaus in den engen Gang. Gleich nebenan lag die Koje von Meister Lembru, dem Abgesandten des Imperiums. Er kam meist erst mittags heraus – grummelig, übellaunig und kaum zu ertragen. Auf seine Gesellschaft konnte sie gut verzichten.

Weiter vorn hatten die beiden Wissenschaftler der Akademie ihr Doppelzimmer. Im Gegensatz zu Rose bestand ihre Koje auch aus einem Arbeitstisch, an dem sie meist anzutreffen waren – vertieft in ihre Dokumente, Zeichnungen und Karten. Die Professorin wurde von ihrem Assistenten begleitet und unterstützt. Und die beiden konnten unterschiedlicher nicht sein. Rose lief an ihrer Türe vorbei, wie immer war kaum ein Laut zu hören. Sie wusste aber, dass sie trotz der frühen Stunde sicherlich am Arbeiten waren. Die Professorin war eine zerbrechliche alte Dame von kleiner Statur, die mit ungewöhnlich leiser und feiner Stimme sprach, sodass sie bei hohem Wellengang kaum zu verstehen war. Ihr Assistent, Tolor, war aber stets mit einem Lächeln bereit, als „Übersetzer“ für die Professorin zu dienen. Tolor war lang und spindeldürr und sah aus wie zwanzig, obwohl dies sehr wahrscheinlich täuschte. Seine fröhliche, überschwängliche und offene Art war oft das einzige, dass Rose aus ihrer Monotonie riss.

Die Windvogel war ein elegantes Schiff ganz nach den Plänen des Imperiums als Forschungsschiff gebaut – durchdacht bis ins letzte Detail und auf Effizienz und Reduktion ausgelegt. Trotzdem wirkte es nicht nüchtern, sondern fast anmutig.

Immer wieder musste sie über all die Details stauen, als sie die Treppe hinauf ging und die Tür zum Deck öffnete. Kalter Wind kam ihr entgegen, und sie spürte die Feuchtigkeit, die in der Luft lag. Draußen war es ruhig, nur das Schlagen der Wellen war zu hören. Die Besatzung des Expeditionsschiffes bestand aus Zwergen aus Isenwald, beiderlei Geschlechts, die sich nur ungern mit den Langbeinen – wie sie die Menschen nannten – unterhielten. Lieber brummten und grölten sie allerlei derbe Lieder aus ihrer Heimat, wo das Zwergenvolk noch groß und unabhängig war. Käpten Tiark war für einen Zwerg von außergewöhnlich großer und kräftiger Statur – und von ebenso außergewöhnlicher Wortkargheit. Außer einem genervten Brummen ließ er kaum etwas von sich hören.

Rose stand also auf Deck und hielt sich an der Reling fest. Einer der Matrosen lief vorbei und schüttelte den Kopf. Er wusste schon, was Rose ihn fragen würde. Nein, es ging nicht schneller. Nein, es würde immer noch eineinhalb Wochen dauern. Rose las die Antwort in seinen Augen, seufzte und ließ die Frage bleiben. Es hatte keinen Sinn – sie musste sich damit abfinden. Der Matrose band ein Seil zusammen und liess dabei eines seiner derben Trinklieder erklingen: “ Raus und rein, Bier muss es sein, lasst uns was klingen…lasst uns was singen.” Anfangs hatte Rose noch den Lieder gelauscht, aber bald hatte sie die immer gleichen feucht fröhlichen Elemente und Stereotypen satt.

Da erblickte sie ein einzelner Vogel am Himmel. Sie legte die Hand über die Augen, um besser sehen zu können. Das Tier schien ziemlich weit weg zu sein, kam aber immer näher. „Tiere bedeuten in der Regel, dass das Festland nahe ist“, dachte Rose. Da plötzlich begann das Tier im Sturzflug zu fallen, preschte auf die Wasseroberfläche zu – und war augenblicklich verschwunden. „Wyvern!“, meinte der Matrose, der sie scheinbar beobachtet hatte, hinter ihr lakonisch. „Sie können einerseits fliegen, aber auch unter Wasser leben – kleine drachenähnliche Geschöpfe! Aber keine Angst, sie fressen keine Menschenfrauen, selbst wenn sie so hässlich sind wie Ihr!“

Rose drehte sich um und sah den Matrosen herausfordernd an. „Ach ja? Lieber hässlich als schwach. Wollt ihr euch beim Armdrücken mit mir messen ?“ Der Matrose winkte ab. „Nein danke, die Verbrennung vom letzten Mal schmerzt mir noch immer! Aber wenn Ihr überzählige Energie habt, könntet Ihr mir gerne etwas helfen!“
Rose nickte, und der Zwerg zeigte nach oben. „Leana schläft immer im Ausguck ein. Vielleicht könnt Ihr schnell hochsteigen und sie wecken? Ihr habt ja bedeutend längere Beine als ich!“ Das ließ sich Rose nicht zweimal sagen. Seit sie vor ein paar Wochen begonnen hatte, die Takelage als Morgentraining zu benutzen, hatte der Käpten – in einer seiner seltenen Wortmeldungen – klar gemacht, was er davon hielt: „Mein Schiff ist kein Spielplatz – außer, Ihr wollt den Rest der Strecke schwimmen!“ Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie die Takelage hinaufstieg. Oben angekommen hielt sie kurz inne und genoss die Aussicht über das Schiff, als plötzlich kleine Schaumkronen aufstiegen und lange, graue Wesen mit rasanter Geschwindigkeit aus dem Wasser schossen. Mit einem weiten Bogen steuerten sie auf das Schiff zu. „Noch mehr Wyvern!“, erkannte Rose – und erst jetzt sah sie ihre langen, grauen Hälse, die in einem viel zu kleinen Kopf mit langer, spitzer Schnauze voller scharfer Zähne endeten. Der Körper war dürr, und die Flügel ähnelten langen Flossen uralter Meerestiere, während der Schwanz dünn und schlangenartig in alle Richtungen peitschte. Ihr Flug war ungelenk und trotz der rasanten Geschwindigkeit plump.
Unvermindert nahmen sie Kurs auf das Schiff. Rose erinnerte sich an den Eintrag im Bestiarium: Wyvern galten als ungefährlich für Menschen. Als sie nun eine ganze Herde auf sich zurasen sah, zweifelte sie daran. Instinktiv duckte sie sich, als sie über sie hinwegfegten. Einer der Wyvern streifte sie, Rose rutschte auf dem feuchten Holz aus, fiel – konnte sich aber im Fallen an einem Tau festhalten und schwebte nun zehn Meter über dem Deck. „Die wollen nur spielen!“, rief der Matrose von unten. „Halt dich einfach fest!“ Rose zog die andere Hand hinauf und blickte um sich. Die Wyvern steuerten nach einem weiteren Bogen erneut auf das Schiff zu. Sie versuchte, sich am Tau zurück zur Takelage zu hangeln, als die fliegenden Wesen rasch näher kamen. „Festhalten!“, brüllte der Matrose.

Da regte sich plötzlich jemand im Ausguck – Leana, die Matrosin, war offenbar aufgewacht. Instinktiv entzündete sie eine Fackel, die sie schwungvoll in der Luft drehte. Die Wyvern kreischten kaum hörbar, drehten ab – und verschwanden kurz darauf wieder im Meer. Rose hangelte sich hinüber, fasste nach oben und landete schließlich neben dem Ausguck. „Danke“, murmelte sie der Matrosin zu und kletterte wieder hinunter. „Wyvern fressen keine hässlichen Langbeine, hm?“, zischte sie dem Matrosen zu. „Diese waren aber nahe dran!“ Der Zwerg sah ungläubig drein. „Normalerweise wollen sie wirklich nur spielen …“ Immerhin war endlich einmal etwas passiert, dachte Rose und verließ das Deck.

Als Rose die Kombüse betrat, fiel ihr sofort auf, dass nur ein einziges Gedeck auf dem großen Tisch stand. Meister Lembru erschien selten vor Mittag, und die beiden Wissenschaftler waren oft so vertieft in ihre Arbeit, dass sie ihre Mahlzeiten in der eigenen Koje einnahmen. Zögernd setzte sich Rose an den Tisch, als die Tür aufging und der Koch, Karlos mit einem großen Topf heraustrat. Wortlos stellte er ihn auf den Tisch und nickte ihr aufmunternd zu. „Eintopf?“ fragte Rose. Der Koch nickte und grinste. „Das Mahl der Mahle: Bohnen, feiner Wildentenschinken und Kartoffeln – alles lange und weich gekocht, wie Babybrei!“

Als er Roses Gesichtsausdruck sah, lachte er. „Keine Sorge, morgen gibt’s etwas anderes. Lasst euch überraschen.“ Dann verschwand er kurz in der Küche und kehrte mit einem dampfenden Krug Tee zurück, den er ihr auf den Tisch stellte. Rose schöpfte sich eine Portion in den Teller und seufzte. Wenn nur nicht alles so eintönig wäre auf diesem Schiff. Lustlos stocherte sie mit der Gabel im Essen. Alles war tatsächlich weich gekocht. Dennoch nahm sie ein paar Bissen und trank vom Tee, der sie bald schläfrig machte. Sie stand auf, stellte ihre Schüssel in der Küche ab und verließ den Raum.

Ein wenig später lag sie auf ihrer Koje und döste. Sie drehte sich auf die Seite und schloss die Augen. Rose ließ die Bilder der letzten Monate an sich vorbeiziehen, dann fiel sie in einen tiefen Schlaf.

..

Als sie aufwachte, musste es bereits früher Abend sein. Rose brauchte einen Moment, um zu begreifen, wo sie war. Das Schiff bebte und ächzte in den Wellen. Es rüttelte und schaukelte heftig. Rose setzte sich auf, sammelte sich kurz und stand dann auf. Kleine Stürme kamen immer wieder vor, diesmal schwankte das Schiff jedoch stärker als gewöhnlich. Sie verliess ihre Koje, ging durch den schmalen Gang, wo das Licht der Laternen im Takt der Wellen flackerte. Oben, an der Treppe zum Deck, hörte sie schon das Tosen.

Kaum hatte sie die Tür geöffnet, peitschte ihr ein starker Wind entgegen. Mit Mühe gelang es ihr, den Spalt weit genug aufzudrücken, um hindurchzuschlüpfen. Der Regen prasselte wie Geschosse gegen das Holz und kleine Böeen zerrten an ihren Kleidern. Der Wind riss sie fast von den Füssen, schlug ihr die Kapuze vom Kopf und zerzauste ihr Haar. Schritt für Schritt kämpfte sie sich nach vorn, bis sie die Reling erreichte. Dort klammerte sie sich an ein dickes Tau, das vom Sturm hin und her gerissen wurde. Erst jetzt sah sie das Meer – das sich vor ihr auftürmte, schwarze, haushohe Wellen, deren Gischt immer wieder über das Deck schlug. Der Wind heulte, Taue peitschten, Segel flatterten. Überall arbeiteten die Matrosen, hielten Leinen fest, zogen die letzten Segel ein. Der Lärm war ohrenbetäubend. Immer wieder zuckten Blitze über den Himmel, tauchten das Deck und die tobende See in grelles Licht, und warfen seltsame Schatten über die Männer und Frauen.

Im Angesicht dieser Wassermassen wirkte das Schiff wie ein Spielzeug in den Elementen, klein wie eine Streichholzschachtel. Rose staunte, dass sie nicht längst gekentert waren. Die Matrosen wirkten gefasst – energisch, aber nicht hektisch. Es war offenbar nicht ihr erster Sturm.

Ein Matrose mit einem dicken schwarzen Mantel und einem Schlapphut kam auf sie zu und schrie ihr etwas zu. Seine Worte gingen fast im Lärm unter.
„Sturm!“, rief er. „Nicht sicher!“ Da schlug eine grosse Welle über das Deck, riss Rose fast vom Tau. Sie klammerte sich fest, spürte das kalte Wasser über ihre Hände laufen, schon brach die nächste Welle über sie hinein. Mit einem Ruck verlor sie den Halt und wurde über das glitschige Deck geschleudert, bis sie erschöpft liegenblieb. Zwei Matrosen waren sofort bei ihr. Ohne ein Wort zogen sie sie hoch und schleiften sie zurück zur Tür. Gemeinsam stemmten sie sich dagegen, bis sie einen Spalt öffnen konnten, und warfen Rose ins Innere. Die Tür krachte hinter ihr zu. Durchnässt und keuchend blieb sie auf der Treppe liegen. „Dumm.“, hörte sie eine näselnde Stimme sagen. Meister Lembru sass auf einem Hocker unterhalb der Treppe. „Bei einem Sturm aufs Deck zu gehen – Ihnen fehlt es wirklich an praktischem Verstand.“ Rose richtete sich auf, strich sich das nasse Haar aus dem Gesicht und ging die Treppe hinunter. Meister Lembru deutete auf einen Hocker neben sich.

„Setzen Sie sich. In der Schiffsmitte schwankt es am wenigsten. Das ist der beste Ort, um das Ende des Sturms abzuwarten.“ Rose setzte sich und zitterte vor Kälte. Lembru reichte ihr ein trockenes Tuch, das sie dankend annahm und sich abtrocknete. „Wie lange wird der Sturm dauern?“, fragte sie leise. „Eine Weile“, entgegnete er knapp und schwieg wieder. Nach einer Zeit fügte er hinzu: „Ich bin leider kein Mann der grossen Konversation – besonders nicht mit Frauen.“ „Schon gut“, sagte Rose und lächelte müde. „Ich habe mich inzwischen mit Ihren Launen arrangiert, auch wenn ich sie nicht gutheisse.“ Meister Lembru zuckte merklich zusammen. Sein Gesicht wurde finster, und Rose sah, wie er sich sichtlich bemühte, seine Impulse zu kontrollieren. Ohne ein weiteres Wort stand er auf und ging in seine Kajüte. Rose blieb allein zurück. „Bei der Heiligen Mariette“, dachte sie, „aus ihm soll einer schlau werden.“

Der Sturm hatte nachgelassen, und Rose war wieder in ihre Koje zurückgekehrt. Die Langeweile fraß an ihr wie ein hungriges Tier. Stundenlang hatte sie durch das Bullauge aufs Meer geschaut, die Monotonie lähmte sie, und ihre Augen fielen ihr beinahe zu.

Als sie schließlich erwachte, war es Nacht. Dunkelheit lag schwer über dem Schiff, nur das leise Schaukeln der Wellen durchbrach die Stille. Der Sturm war vorüber, und die See rauschte wieder wie eh und je. Plötzlich drang lautes Grölen an ihr Ohr, Stimmen, die im Chor sangen. Matrosenstimmen, dachte Rose und richtete sich auf. Noch müde torkelte sie den dunklen Gang entlang, den Gesang aufmerksam verfolgend. Er kam vom Bug, wo die Mannschaftskabinen lagen. Je näher sie kam, desto klarer wurden die Worte, die sich in einem rauen, lärmenden Chor erhoben: „Nimm sie von hinten, einerlei Bier, lass das Schiff sinken, tanzen wir hier, leere es sofort, Todschlag und Mort!“ Rose schüttelte ungläubig den Kopf, öffnete die knarrende Tür, und sofort verstummten die Stimmen. Vor ihr stand eine bunte, fröhlich tobende Truppe von Matrosen, Männer wie Frauen, die Bierkrüge in den Händen hielten. Ein wenig verlegen wollte Rose sich erklären, doch die Matrosen brachen in Lachen aus und begannen erneut zu singen und zu tanzen. Ein Matrose trat auf sie zu, legte ihr ein schmutziges Fell um den Hals: „Dieses Fest ist nur für Zwerge mit Bart!“ lachte er.
Rose lachte mit, und bald sang und tanzte sie mit der Menge. Das Bier, dunkel und stark, kribbelte in ihrem Körper, und verlieh ihr eine ungewohnte Leichtigkeit. Die Langeweile des Schiffes schien mit jedem Schluck zu schwinden. Auch die Zwerge tranken kräftig mit, bis einige erschöpft auf den Boden sanken, während andere noch tapfer standen und weiter sangen. Rose ergab sich dem Rhythmus aus Trinken, Singen und Tanzen.
„Ich wette, ich kann immer noch auf einem Bein balancieren!“, rief ein Zwerg mit zahlreichen Zöpfen im Bart. Stolz hob er ein Bein, schwankte, und schließlich fiel er unter lautem Gelächter zu Boden. Rose lachte, dann wurden neue Herausforderungen laut: Ein Zwerg fuchtelte mit einem Dolch herum. “Ich wette, ich kann einen Apfel von eurem Kopf schiessen!” Alle lachen laut auf, aber niemand wollte sich auf die Wette einlassen. Zu fest schwankte er von einem Bein zum anderen. „Ich wette, ich kann über das Tau von einem Mast zum anderen gehen!“ rief Rose schlussendlich, während die Zwerge ungläubig raunten: „Niemals, das Langbein schafft das nie!“ Rose klopfte sich auf die Brust, hob den Zeigefinger: „Ihr seid alle feige Angsthasen! Wer traut sich, mich herauszufordern?“ Ein Raunen ging durch die Menge, und eine kleine, Zwergin mit langen Locken rief: „Zeigen! Zeigen!“ Sofort wurde der Ruf im Chor aufgenommen, und die Zwerge tanzten um Rose herum.

Bald standen sie auf dem Deck, die Matrosen waren inzwischen deutlich leiser geworden, um den Käpten, den sie alle fürchteten, nicht zu wecken. “Er hat einen unglaublich tiefen Schlaf!”, meinte eine Matrosin und kicherte. Inzwischen hatte sich der Übermut der Truppe gelegt, als sie zehn Meter hoch zum Mast hinaufblickten. „Ist vielleicht nicht so eine gute Idee!“, raunten sie Rose zu. Doch diese war voller Tatendrang. Sie schnappte sich einen Eimer Wasser und leerte ihn über ihren Kopf. „Jetzt bin ich klarer!“,

Sie begann eines der derben Lieder zu singen und kletterte mit großen Sprüngen die Takelage hinauf zum Mastkorb. Zwischen den beiden Masten spannte sich ein dickes Tau. Rose blickte nach unten auf die Zwerge, die zehn Meter unter ihr standen und besorgt nach oben schauten. „Schaut nicht so traurig! Nimm sie von hinten, lass das Schiff sinken! Bier…!“ rief sie lachend und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Leicht schwankend balancierte sie, die Arme ausgestreckt. Sie hatte solche Übungen auch in ihrer Ausbildung gemacht, doch hoch über dem Schiff war es eine deutlich grössere Herausforderung.

Die Hälfte war geschafft, und die Zwerge unter ihr stimmten wieder in den Gesang ein, riefen ihr ermunternde Worte zu und lachten schallend. Bald konnte sie den Mastkorb vor sich sehen – noch fünf Meter, noch zwei – als eine Böe übers Schiff schoss, es stark neigte, und Rose in hohem Bogen vom Tau riss. Mit lautem Aufschrei flog sie über das Deck ins Wasser. Dunkelheit und Kälte schnürten ihr den Atem ab, während sie ins tiefe, schwarze Nass eintauchte. Alles wurde dunkel.

 

 

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Die Rose-Trilogie umfasst drei Bände mit insgesamt rund 800 Seiten. Jeder Teil erzählt eine eigenständige Geschichte mit eigenem Spannungsbogen und klarem Abschluss.

Erst im Zusammenspiel jedoch entfaltet sich das volle Bild: Zusammenhänge werden sichtbar, Entscheidungen erhalten Gewicht, und Entwicklungen gewinnen an Tiefe. Figuren verändern sich, Konflikte verschärfen sich, Motive greifen ineinander.

Was in Band eins beginnt, wird in Band zwei verdichtet und findet im dritten Teil seine konsequente Auflösung. Die Reihe funktioniert einzeln – wirkt aber nur als Ganzes vollständig.

Königreichs zu, auch uralte Geschöpfe aus dem Räuberwald erwachen.

Zahlreiche Gefahren müssen überwunden werden, bis sich die beiden Handlungsstränge in einem gewaltigen Finale vereinen. Dabei geht es um nichts Geringeres als der Zukunft der Welt.


 

 

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