Minen-
stadt
Jamie
Aspinall
Klappentext:
Mit dem zweiten Band ihrer Geschichte kehrt Rose, die junge Jägerin im Dienst des Königs, zurück – und gerät in ein Netz aus politischen Intrigen, dunklen Machenschaften und alten Geheimnissen. Beauftragt, eine rätselhafte Mordserie in einer abgelegenen Zwergenmine aufzuklären, entdeckt sie schnell: Hier geht es um mehr als nur ein Ungeheuer in der Tiefe.
Während Rose in der unterirdischen Stadt auf Widerstand stösst, bleibt sie unbeirrbar – auch als ein tödlicher Anschlag sie beinahe das Leben kostet. Je tiefer sie in die Minen eindringt, desto mehr geraten die Grenzen zwischen Freund und Feind, Wahrheit und Lüge ins Wanken. Ganz anders entfaltet sich die Geschichte in der Reichsstadt: Nolan, ein Ermittler mit scharfer Beobachtungsgabe und düsterer Vergangenheit, kommt einer Verschwörung auf die Spur, die bis in höchste Kreise reicht. Bald kreuzen sich beide Geschichten – und die Wahrheit, die sie ans Licht bringen, erschüttert das Reich bis ins Mark.
“Minenstadt” ist ein klug konstruierter, atmosphärischer Fantasyroman, der klassische Abenteuer mit krimiähnlichen Tendenzen verbindet. Düster, spannend und voller eigenwilliger Figuren – ein Muss für Leser*innen, die Tiefe und Spannung lieben.
Prolog
Die Spuren im Schnee waren eindeutig: Eine Herde Hirsche musste hier durch den Wald gezogen sein. Dirk zog den Mantel enger um seinen Körper, bedeckte den Mund mit einem groben Schal – doch die Kälte drang trotzdem durch jede Faser seiner Kleidung und brannte wie tausend Nadeln auf seiner Haut.
Seit einiger Zeit folgte er der Spur. Jetzt war er sich sicher: Heute würde es endlich wieder Fleisch geben.
Er stapfte durch den tiefen Schnee, der unter seinen Stiefeln zerbröselte und kleine Brocken über die glatte, leicht gefrorene Oberfläche purzeln liess.
Dirk stieg den Hang hinauf.
Er keuchte, weisse Atemwolken stiegen ihm aus dem Mund, als er ein kleines Birkenwäldchen betrat. Die Stämme stachen wie bleiche Finger aus dem Schnee, seltsam verzerrt in der dunstigen spät Nachmittagssonne, die nur trübes Licht durch die dunstige Luft streute.
Er packte den Bogen fester.
Die Fährte führte ihn über eine Senke bis zu einem Abhang.
Dann – plötzlich – neue Spuren im Schnee.
Dirk bückte sich langsam, um sie genauer zu betrachten, doch er hatte sie längst erkannt.
Ein leiser Fluch entfuhr ihm.
„Jungwölfe!“
Die Spuren mischten sich mit denen der Hirschherde. Es mussten vier Tiere sein, Dirk verharrte. Unschlüssig.
Einerseits konnte er den fermentierten Kohl und den wässrigen Getreidebrei nicht mehr sehen. Er sehnte sich nach Fleisch, nach echtem Fleisch.
Andererseits war er auf einen Wolfsangriff nicht vorbereitet.
Seit Monaten hatte man keine Wölfe mehr in der Nähe der Burg gesehen. Er hatte leichtsinnig auf eine Stangenwaffe verzichtet.
Jetzt rächte sich das.
Mit seinem Jagdschwert konnte er sie kaum auf Distanz halten.
Dirk betrachtete die Spuren ein letztes Mal, vergewisserte sich, dann seufzte und drehte um.
Der Weg zurück zur Burg schien länger als zuvor. Die Kälte, die eben noch an ihm nagte, kroch jetzt tiefer, biss sich durch seine Kleidung und machte seine Hände klamm und taub.
Während er seiner eigenen Spur durch den Schnee folgte, dachte er an Rose.
Wo sie jetzt wohl war?
Obwohl es für sie sicher klüger gewesen wäre, unterzutauchen – abzuwarten, bis Gras über die Sache gewachsen war –, wusste Dirk, dass das nicht zu Roses Wesen passte. Sie war nicht der Typ für Rückzug. Er war sich sicher, dass sie sich momentan in der Hauptstadt Dornmark versteckt hielt. Vielleicht mischte sie sich unter die Stadtbevölkerung. Er seufzte. Sie hatte grosse Risiken auf sich genommen, um den jahrhundertealten Konflikt zwischen Räubern und Landsknechten zu beenden.
Plötzlich knackte etwas im Unterholz. Ein Vogel flatterte auf. Dirk reagierte instinktiv, riss den Bogen hoch, spannte den Pfeil. Doch schon im nächsten Moment liess er wieder locker. „Dann doch lieber Kohl“, murmelte er und musste leise lachen, als er die alte Krähe davon fliegen sah.
Als er den Birkenhain verliess, öffnete sich eine weite Ebene vor ihm. Der Wald wurde wieder dichter, und mächtige Eichen und Fichten warfen lange Schatten über das zerbrochene Licht des späten Nachmittags. Der Schnee lag schwer auf ihren Ästen, und vom Wind gelöste grüne Nadeln stachen farblich hervor aus dem tristen Weiss, sprenkelten den Schnee vor seinen Füssen. Ein kalter Wind kam auf und brachte die hohen Bäume zum Schwingen. Dirk zog seinen Mantel enger und hüllte sich tiefer ein, als plötzlich ein Schneegestöber einsetzte, das ihm die Sicht raubte.
„Jetzt nur nicht nervös werden“, sagte er sich und stapfte weiter, Schritt für Schritt. Als der Sturm an Stärke zunahm. Der Schnee verfing sich in seinen Kleidern und raubte ihm zusätzliche Wärme. Die Finger wurden klamm, die Bewegungen langsamer. Doch Dirk wusste, die Burg war nicht mehr weit. Schon bald würde er am Feuer sitzen, ein Glas Schnaps in der Hand, eine dampfende Schüssel Griessbrei vor sich.
Er suchte Schutz hinter einer uralten Eiche, die wie ein dunkler Wächter am Waldrand stand. Ihr massiver Stamm schirmte ihn vor dem Wind ab, und für einen Moment konnte er wieder normal atmen. Dirk rieb sich die tauben Finger, stampfte mit den Füssen auf der Stelle, um das Blut in den Gliedern zu halten, während der Sturm weiter über ihn hinwegfegte. Sollte er warten, bis sich der Schneeschauer gelegt hatte? Oder versuchen, durch den Sturm hindurch zur Burg zu gelangen?
Die Zeit zog sich. Minuten fühlten sich an wie Stunden. Dann – fast wie von Geisterhand – liess das Heulen nach. Der Wind ebbte ab, die Schneeflocken wurden weniger, und zwischen den Bäumen erschienen erste Lichtstrahlen die im Dunst glühten.
Schliesslich brach die Abendsonne durch. In warmem Orange tauchte sie den Wald in ein Leuchten, sodass es wirkte als würden die Stämme brennen. Dirk nutzte die Chance, zog den Umhang zu den Schultern hoch und marschierte weiter. Der Wald wirkte jetzt weniger feindlich, fast friedlich. Bald schon sah er die ersten Zinnen der Burg – sie thronte auf einem steilen Felsen, versteckt im Wald. Die meisten Teile der Burg waren verfallen, längst unbewohnt – doch ein kleiner Flügel war von den Räubern instand gehalten worden. Von weitem wirkte die Festung wie eine Ruine. Ein Vorteil.
Er trat aus dem letzten Gehölz und setzte die Füsse auf den steinigen Pfad, der zur Burg führte. Schon aus der Ferne bemerkte er eine Bewegung vor dem alten Burgtor. Alarmiert blieb er stehen. Etwas lag am Boden – blutverschmiert, im letzten Licht glitzernd. Instinktiv zog Dirk seinen Bogen. Jetzt erkannte er es: Eine alte Hirschkuh lag dort, zur Strecke gebracht. Drei Wölfe umkreisten sie, rissen und zerrten am Kadaver. Er legte eine Pfeil auf den Bogen, zog die Sehne nach hinten. Aus dieser Distanz konnte er sie alle treffen, bevor sie überhaupt in seine Nähe kamen.
Aber … war da nicht eine vierte Spur gewesen?
Ein leises Knurren liess ihn herumfahren. Doch da war es schon zu spät. Aus dem Dickicht schoss ein riesiger grauer Wolf hervor, warf ihn mit voller Wucht zu Boden. Schnee stob auf, der Bogen entglitt seinen Fingern – und alles versank in einem rasenden Weiss.
Kapitel 1: Alt Hagen
Die Reiterin bewegte sich lautlos durch den dichten Wald. Der schmale Pfad wand sich durch das Unterholz, gesäumt von Büschen und überwölbt von alten, hochgewachsenen Buchen, deren Kronen das Sonnenlicht fast vollständig abschirmten. Kaum ein Strahl der Sommersonne erreichte den staubigen Boden, der bei jedem Schritt ihres Pferdes kleine, trockene Wolken aufwirbelte.
Der gleichmässige Takt der Hufe auf dem Waldboden durchbrach die Stille. Ein ruhiger, beinahe meditativer Rhythmus, der mit der Monotonie des Waldes verschmolz.
Die Jägerin fasste die Zügel fester und prüfte den Sitz ihres Gurtes. Ein Dolch, einige kleine Beutel mit Pulver, ihre Schleuder – alles an Ort und Stelle. So sehr sie diese Wälder liebte, so gut kannte sie auch ihre Gefahren. In den Tiefen des Forstes lauerten geheimnisvolle Kreaturen, uralte Wesen – und Räuber, die auf Beute hofften. Doch die Jägerin war nicht irgendeine Reiterin. Sie war eine königliche Jägerin – ausgebildet, um Ungeheuer zu jagen, die den Menschen zur Gefahr wurden.
Sie zügelte ihr Pferd und verlangsamte den Schritt. Etwas war anders.
Es war zu still. Die Jägerin war im Wald aufgewachsen. Sie spürte jede Abweichung vom Gewohnten. Keine Vögel, kein Rascheln im Geäst – eine unheimliche Ruhe hatte sich über die Bäume gelegt. Mit schärferem Blick betrachtete sie die Umgebung. Der Pfad führte in eine kleine Senke, umgeben von dichtem Gebüsch. Ein idealer Ort für einen Hinterhalt. Die Jägerin brachte das Pferd zum Stehen und beobachtete die Schatten. Wachsam blickte sie sich um. War da nicht eine Bewegung im Schatten?
In diesem Moment traten zwei schwer gepanzerte Männer aus dem Dickicht.
und ein Pfeil zischte auf sie zu – die Jägerin reagierte instinktiv. Mit einer leichten Bewegung nach links wich sie dem Pfeil aus und mit einem Satz glitt sie vom Pferd. Noch im Sprung griff sie zur Schleuder und verschaffte sich einen Überblick.
Zwei gepanzerte Männer mit Schwert und Schild näherten sich langsam. Dahinter erkannte sie zwei weitere Banditen ohne Rüstung aber mit langen Speeren und auf einem Baum, halb verborgen, lauerte der Schütze mit einer Armbrust.
Die Jägerin verschwendete keine Zeit. Ein gezielter Schuss mit der Schleuder traf den Schützen, der immer noch seine Armbrust aufzog, am Kopf, sodass er krachend vom Baum fiel. Die beiden Panzerträger rückten diszipliniert weiter vor, ihre Schilde erhoben. Gegen ihre Rüstungen war mit der Schleuder kaum etwas auszurichten. Die Jägerin sprintete los, vollführte einen schnellen Salto, übersprang die beiden umd darauf hinter ihnen zu landen – direkt vor den Speerträgern.
Sie rotierte um die eigene Achse, wich dem Speer aus, traf den ersten mit der Handkante am Kopf – sodass er zu Boden ging. Sie riss ihm den Speer aus der Hand, drehte den Speer um, schlug mit einer langen Drehung des Speers den zweiten Banditen mit voller Wucht nieder. Drei erledigt – zwei verblieben.
Die gepanzerten Männer kamen immer näher. Schwer, behäbig.
Die Jägerin nutzte ihren Vorteil: Sie warf den Speer auf den Vorderen– er hob den Schild zum Schutz. In der entstandenen Lücke glitt sie blitzschnell hinein und trieb ihm den Dolch in die Gelenköffnung der Rüstung. Ein Schrei – er sackte zusammen.
Der zweite Bandit holte zum Schlag aus, doch die Jägerin wich geschickt zurück.
Zweimal kurz pfiff sie.
Das Pferd preschte heran – der gepanzerte Räuber drehte sich irritiert um, verlor die Kontrolle und fiel zur Seite.
„Zu schwer. Zu langsam“, dachte die Jägerin.
Sie griff nach einem Stein, schlug damit auf den liegenden Kämpfer, bis er regungslos liegen blieb. Doch der erste, verletzte Bandit erhob sich erneut. Er taumelte auf sie zu, das Schwert in der Hand, bereit zum letzten Angriff.
Doch die Jägerin hatte genug. Sie wich seinem Hieb aus, drehte sich in einer präzisen Bewegung und landete in seinem Rücken. Mit dem Stein in der Hand schlug sie zu und liess ihn endgültig bewusstlos zurück.
Endlich atmete sie durch. Staub bedeckte ihre Kleidung, der Puls pochte in den Schläfen. Sie zwang sich zur Ruhe, atmete tief, kontrolliert. Langsam liess sie den Stein zu Boden fallen. Dann ging sie systematisch vor: Sie nahm die Speere, zerbrach sie zwischen zwei Bäumen, hieb die Schilde kaputt, zertrümmerte die Schwerter an einem Felsen, schnitt dem Schützen die Armbrust entzwei und zertrat die Pfeile.
Sie sah auf die reglosen Körper herab.
„Ich kenne das Leben einer Räuberin“, dachte sie wütend. „Doch wer sich auf den Überfall von Wehrlosen verlegt, verdient keine Achtung. Fünf gegen eine, ihr Feiglinge!“
Mit wütendem Blick trat sie dem gepanzerten Angreifer gegen die Seite, der immer noch regungslos dalag. Dann hielt sie inne, atmete durch und schwang sich zurück in den Sattel. Sie sollte sich nicht zu lange hier aufhalten: Die besiegten Räuber schienen sich schon langsam zu regen.
Das Pferd setzte sich wieder in Bewegung. Der Takt seiner Hufe kehrte zurück, gleichmässig, beruhigend. Und langsam – ganz langsam – kehrten auch die Stimmen des Waldes zurück. Erst ein Vogelruf. Dann ein zweiter.
Als hätte der Wald den Atem angehalten – und atmete nun, zögerlich, wieder aus.
Die Jägerin atmete ein und wieder aus.
…
Rose rutschte unruhig auf ihrem Stuhl umher. Der schwere Sitz war aus massiver Eiche, knarrte leise, bewegte sich aber keinen Fingerbreit.
Sie liess den Blick durch das Büro schweifen. Überall standen Statuen – Szenen aus Kämpfen, in Stein verewigt. Sie zeigten die imperialen Streitkräfte, wie sie an den Grenzen des Imperiums gegen allerhand Völker fochten. Rose erkannte Zwerge, Romuaner und andere Anderlinge mit Hörnern auf dem Kopf.
Da öffnete sich die Türe.
Eine kleine, muskulöse Frau mit kurzem Haar trat ein, ohne Gruss, und setzte sich an das Pult. Sie begann, in Dokumenten zu blättern, schaute zwischendurch zu Rose auf und musterte sie mit strengem Blick.
Schliesslich legte sie die Papiere mit einem Seufzen beiseite, lehnte sich zurück.
«Gratuliere», sagte sie ohne den Mund zu verziehen. «Sie sind jetzt offiziell Jägerin des Königs.»
Rose beugte sich vor. «Wo ist der Oberst?»
Die Frau lächelte dünn, künstlich. «Sie unterstehen jetzt dem Imperium. Ich bin die Abgesandte des Imperiums in Dornmarkt und damit für Sie zuständig.»
Sie hielt das aufgesetzte Lächeln einen Moment, lehnte sich dann wieder in ihren Sessel.
«Wie ich den Akten entnehmen kann, haben Sie erfolgreich einen Wüstendämon besiegt und sind auf der Heimreise einem Sandwurm entkommen. Das ist durchaus bemerkenswert, wenn man Ihr … wie soll man sagen … zartes Alter berücksichtigt.» Wieder setzte sie ihr gekünstelte Lächeln auf.
Rose hob das Kinn. «Ich möchte in die Reichsstadt versetzt werden. Ich kenne den Wald und seine Bewohner. Dort könnte ich nützlich sein.»
Die Abgesandte schüttelte kaum merklich den Kopf. «Leider hat das Imperium Sie für einen anderen Fall vorgesehen. Aber keine Angst, es wird Ihnen gefallen.»
…
Der Pfad stieg stetig an, schmal und steinig, gesäumt von hellgrauen, scharfkantigen Felsen, die aus dem ausgedörrten gelben Gras ragten. Die Reiterin lenkte ihr Pferd mit ruhiger Hand bergauf, während die Mittagssonne vom Himmel brannte. Schweiss perlte über ihre Stirn, und sie strich ihn sich mit dem Handrücken aus dem Gesicht. Das Pferd schnaubte unter ihr, sein Fell glänzte vor Nässe, dunkel getränkt vom Aufstieg.
Ihr Blick wanderte nach oben, wo hoch am Firmament riesige Vögel in weiten Kreisen ihre Bahnen zogen. Mit der flachen Hand über den Augen erkannte sie an der Färbung und der breiten Schwingenform, worum es sich handelte: Riesengeier – uralte Kreaturen, die fast überall aus der Welt verschwunden waren. Doch hier oben, in der rauen Einsamkeit der Berge, hatten sie wohl ein letztes Refugium gefunden.
Die Reiterin schauderte, als ihr Blick zu den verschneiten Gipfeln schweifte deren weisse Häupter von tief hängenden Wolken verhüllt waren. Die hellgrauen Felswände bildeten einen scharfen Kontrast zum goldgelben Gras, das der Wind flach an den Boden drückte. Hoch oben am Fusse des Mont Caldrill – des höchsten Berges des Königreichs – lag Alt Hagen, ihr Ziel: die Bergstadt, halb in Stein gemeisselt, halb in den See hinausgebaut.
Der Pfad wurde steiler. Mit einer geschmeidigen Bewegung glitt die Reiterin aus dem Sattel. Einen Moment betrachtete sie die Reittaschen, die schwer an beiden Seiten des Tieres hingen. Der Anstieg hatte das Pferd erschöpft; es war klüger, nun ein Stück zu Fuss weiterzugehen. Der lange Ritt steckte ihnen beiden in den Gliedern. Um dem geschäftigen Hauptweg zu entgehen, der von schwer beladenen Fuhrwerken aus den Minen genutzt wurde, hatte sie eine alternative Route gewählt – nun begann sie, diesen Entschluss zu bereuen. Der Umweg hatte Zeit gekostet; erst am Abend würde sie Alt Hagen erreichen.
Der Weg führte durch einen lichten Berghang, durchzogen von hell leuchtenden Lärchen und knorrigen Kiefern. Die Hitze hatte den würzigen Duft von Harz und Tannennadeln aus dem Boden gelöst, und Rose atmete tief ein. Staub knirschte unter ihren Stiefeln. Sie griff zur Feldflasche, trank einen Schluck, dann nahm sie Racker an den Zügeln und führte ihn den steilen Pfad hinauf – bis sich vor ihnen eine Schlucht öffnete. Ein Bach schlängelte sich über Steine, grobe Felsbrocken säumten sein Bett.
Langsam zog Rose weiter. Das feuchte Moos unter ihren Stiefeln dämpfte jeden Schritt, und ein feiner, kühler Schatten hing zwischen den Bäumen. Zwischen moosbedeckten Felsen entdeckte sie sie: eine Gruppe von Moosbären – rundliche, zottelige Wesen mit breiten Schultern, kräftigen Vorderbeinen, sanften Augen und dichtem, grünlich schimmerndem Fell, durchwoben von Flechten, Moos und winzigen Farnen. Einer sass träge auf dem Hintern und kaute langsam auf einem Bündel Kräuter, das er mit den dicken Pfoten aus dem Waldboden gezogen hatte. Ein anderer stand auf den Hinterbeinen, riss mit seinen Pranken Zweige von einer Birke und schob sich gemächlich die Blätter ins Maul. Ein Jungtier, kaum grösser als ein Schaf, tappte neugierig über die Lichtung.
Ein leiser Wind strich durch das Geäst, Blätter raschelten. Rose blieb stehen, reglos, und spürte, wie eine tiefe Ruhe in ihr aufstieg. Dann trat sie langsam zurück und verschwand zwischen den Bäumen. Sie umging die Tiere mit ihren Jungen und schlug einen steilen Wildpfad ein, der sie zurück zum Hauptweg führte.
Racker wieherte laut, als seine Hufe auf dem lockeren Hang keinen Halt fanden, doch bald erreichten sie den breiten Weg, der nun nur noch sanft anstieg. Rose schwang sich in den Sattel, trieb das Pferd an, und sie ritten durch den trockenen Bergwald, dass der Staub aufwirbelte. Die Bäume standen nun lichter, und wenig später liess sie den Schatten des Waldes hinter sich.
Vor ihr öffnete sich das Gelände. Der Pfad wurde breiter, das Gelände flacher. Hinter einer Kuppe tauchten weit in der Ferne die ersten Gebäude auf, klein und steinern, am Hang verstreut. Dann kam der See in Sicht – ein klarer, stiller Spiegel, so durchsichtig, dass man bis auf den Grund sehen konnte. Weit hinten, am Fusse des gewaltigen Felsmassivs, schmiegte sich Alt Hagen an den Berghang: verschachtelt, farbenfroh, in der typischen Architektur der Zwerge – mit hohen, engen Giebeln, Fachwerk, Balkonen und Erkern organisch verwachsen am Berghang. Der vordere Teil der Stadt ragte auf Holzpfählen weit in den See hinaus. Kleine hölzerne Türme mit spitzen Dächern und flatternden Bannern verliehen dem Anblick eine fast freundliche Idylle – doch sie wusste es besser. Für die Zwerge war sie eine Langbeinige, eine Fremde. Und Fremde waren in Alt Hagen nicht willkommen. Das würde ihren ersten Auftrag nicht leichter machen. Ein kühler Windhauch vom See her streifte sie, und sie sog die klare, frische Luft tief in die Lungen.
Kaum war sie aus der Wüste des Dünenlandes zurückgekehrt, wo sie ihre Ausbildung abgeschlossen hatte, wurde ihr bereits der erste Auftrag zugeteilt. In den Minen hoch oben im Gebirge – waren mehrere Bergarbeiter der unabhängigen Kooperative von einem unbekannten Wesen getötet worden. Die Berichte waren vage und widersprüchlich. Man sprach von Feuer und Rauch, von verkohlten Leibern – es konnte vieles gewesen sein: ein Drache, eine Wyver, vielleicht sogar ein Balrog. Die Reiterin war eine königliche Jägerin – ausgebildet, um Ungeheuer und Kreaturen zur Strecke zu bringen, die Menschen bedrohten oder angriffen. Dafür war sie ausgebildet worden. Und auch wenn sie jung war und noch wenig Erfahrung vorweisen konnte, zweifelte sie nicht an ihrer Fähigkeit, den Auftrag zu erfüllen.
Sie durchquerte die weite Ebene in ruhigem Trab, bis sie den See erreichte. Langsam lenkte sie ihr Pferd zum Ufer, stieg ab und trat ins seichte Wasser, bis sie mit den Fingerspitzen dessen Oberfläche berühren konnte. Das Wasser war eiskalt – sie zuckte zurück, tauchte dann beide Hände hinein und liess die Kälte ihre erhitzte Haut durchdringen. Langsam senkte sich die Sonne hinter die Bergkuppen und liess die umliegenden Felswände rot aufglühen. Mit einem Mal kroch die Kälte über die Ebene, als hätte jemand einen Mantel über das Land gelegt. Ein kurzer Pfiff, und ihr Pferd trottete heran. Sie löste den Umhang vom Sattel und warf ihn sich über die Schultern. Dann fuhr sie mit der Hand sanft über die Mähne des Tieres, ehe sie sich mit einem eleganten Sprung wieder in den Sattel schwang.
„Nun gut. Auf geht’s“, murmelte sie, und trieb das Tier zum Galopp an. Sie durchquerten die Wiesen rund um den See, überquerten murmelnde Bergbäche und ritten an vereinzelten, knorrigen Weiden vorbei, die wie verdrehte Wächter aus einer vergessenen Zeit wirkten.
Bald tauchten die Tore der Stadt auf. Die Jägerin ritt über einen langen hölzernen Pier, der sich wie ein Finger weit in den See erstreckte. Das Stadttor war umgeben von einem geschäftigen Gewimmel: Fischer mit Netzen, Händler mit ihren Karren, Reisende aus fernen Regionen. Mit ihrer Grösse und Erscheinung fiel sie sofort auf – einige Passanten wiesen flüsternd auf sie, andere traten neugierig zur Seite.
Vor dem Tor hielten sie zwei Wachen an, beide trugen Lanzen und schwarze Rüstungen mit roten und goldenen Ornamenten verziehrt – kunstvoll geschmiedet, aber funktional.
„Ich muss zum Gesandten des Imperiums“, sagte sie ruhig.
Die Wachen nickten nur, wortlos, und deuteten in Richtung Stadt. „Im Reichsgebäude. Das rote Haus am Marktplatz.“, brummten sie.
Sie ritt weiter über die hölzernen Stege, die wie ein verschachteltes Netz über dem Wasser lagen, stieg über Rampen und Brücken, die sich in mehreren Ebenen überkreuzten. Die Häuser, die den Weg säumten, waren typisch zwergisch: rundbogige Fenster, ovale Türen, strohgedeckte Dächer. Ihr Pferd liess die Hufe auf den Balken laut widerhallen, während sie sich Schritt für Schritt dem Festland näherte. Schliesslich erreichte sie festen Boden. Auf einer breiten, gepflasterten Strasse folgte sie dem Hauptweg in die Stadt hinein. Die Gebäude hier wirkten solider, mit Mauern aus Lehm, Holz und Stein errichtet. Die Dächer waren mit dunklen Schindeln gedeckt, und das geschäftige Treiben wurde dichter.
Dann sah sie es: ein Gebäude, das mit der Stadt ringsum nichts gemein hatte. Es war nüchtern, streng, unversöhnlich. Ganz aus rotem Backstein gebaut, mit hohen, schmalen Fenstern und einem Dach aus hellem Blech – kalt glänzend in der Sonne. Die imperiale Bauweise wirkte inmitten der verwinkelten, farbenfrohen Fachwerkhäuser der Zwerge wie ein Fremdkörper. Unübersehbar und unpassend – das Reichsgebäude des Imperiums.
Rose stieg vom Pferd und nahm Rakkr am Halfter. Schweigend näherte sie sich dem Tor – ein massives Konstrukt aus schwarzem Holz, das sich in einem seltsam geschwungenen, beinahe dreieckigen Bogen über ihr wölbte. Kopfschüttelnd betrachtete sie die Bauweise. Form und Material liessen sie ratlos zurück – kein Handwerker, den sie kannte, hätte so etwas gebaut.
Sie zögerte kurz, überlegte, wo man hier überhaupt anklopfen sollte, als sich plötzlich in der schweren Tür eine kleine Öffnung auftat.
„Papiere!“, rief eine Stimme dahinter.
Rose löste das Pergament von ihrem Gürtel, entrollte es und reichte es durch die Luke. Einen Moment lang geschah nichts. Dann tauchte eine behandschuhte Hand auf und reichte ihr das Dokument zurück.
Mit einem tiefen Quietschen setzten sich die Türflügel in Bewegung und öffneten sich langsam zur Seite. Dahinter lag ein weiter Innenhof. Einige Zwergwachen in schwarzen schlichten Uniformen standen herum, scheinbar gelangweilt. Weiter hinten erkannte Rose Stallungen und eine Schmiede. Ein leiser Singsang lag in der Luft – das rhythmische Klopfen des Hammers, begleitet von einem murmelnden Lied.
Zwei Wachen winkten sie heran. Rose folgte ihnen über den grob gepflasterten Innenhof zu einem überdachten Wehrgang, der in die Höhe führte. Einer der Zwerge übernahm Rakkr, während sie mit dem anderen die Stufen hinaufstieg. Die Treppen waren nicht an seine Grösse, sondern an die der Menschen angepasst, sodass er nur langsam vorankam.
Schliesslich öffnete der Zwerg eine Tür. Rose trat in einen Saal, in dem mehrere Kommoden und Schreibpulte standen – alles unbesetzt. An den Wänden reihten sich Bücherregale, und eine grosse Karte des Imperiums spannte sich über einen Teil der Wand. Durch die langen, schmalen Fenster fiel nur wenig Licht, in dem Staubpartikel tanzten.
Ein steinerner Kamin spendete ein kleines, flackerndes Feuer, obwohl es draussen milde war. In der Mitte des Raumes stand ein Arbeitstisch aus zarotanischem Holz – grau wie Basalt, schwer wie Granit. Der Tisch war makellos aufgeräumt, nur einige akkurat ausgerichtete Papiere deuteten darauf hin, dass er auch tatsächlich benutzt wurde.
Der Zwerg wies auf einen Hocker mit violettem Samtbezug vor dem Tisch. Rose setzte sich steif, während der Zwerg wortlos den Raum verliess.
Sie lauschte dem leisen Knistern des Feuers hinter sich und dem gedämpften Gesang des Schmieds vom Hof. Erst jetzt bemerkte sie die Urkunden an den Wänden. Alle trugen das Siegel des Imperiums aus rotem Wachs. Wer auch immer in diesem Raum arbeitete, hatte sich grosse Verdienste im Namen des Imperiums erworben. Umso seltsamer, dass er sich ausgerechnet in dieser abgelegenen Provinz des kleinen Königreiches Lythorien aufhielt.
Nach einer Weile öffnete sich die Tür erneut. Der Zwerg trat ein. „Meister Lembru ist derzeit in einer wichtigen Angelegenheit. Bitte haben Sie einen Moment Geduld.“
Rose nickte stumm und beobachtete, wie der Zwerg sich durch eine andere Tür davonmachte.Es wurde still. Irgendwann wurde ihr das Warten zu lang, und sie stand auf, um die Urkunden an der Wand näher zu betrachten. Sie waren in imperialer Keilschrift verfasst – einer Schrift, die sie zwar gelernt, aber kaum geübt hatte. Um die Formulierungen zu entschlüsseln, brauchte sie einige Zeit, auch weil alles in bürokratischer Sprache verfasst war.
Meister Lembru hatte sich demnach sowohl in einer Schlacht als besonders tapfer erwiesen als auch in der Hauptstadt subversive Elemente aufgedeckt und zerschlagen. Seine Verdienste im Kampf gegen Aufwiegler und Rebellen wurden in höchsten Tönen gelobt. Es war klar: Dieser Mann war nicht nur ein Beamter – er war ein treuer Diener des Imperiums.
Plötzlich wurde die Tür mit einem Ruck aufgestossen. Rose zuckte zusammen und trat instinktiv einen Schritt zurück.
Meister Lembru trat ein.
Er war auffällig klein, von mittlerem Alter, glattrasiert, doch mit auffälligen, langen Koteletten. Sein dichtes Haar war streng nach vorne gekämmt, stand ihm aber oben in wilden Büscheln ab. Mit verschränkten Armen blieb er stehen und musterte sie mit einem spöttischen Lächeln.
„Betrachten Sie nur das Kunsthandwerk – oder sind Sie auch in der Lage, den Text zu erfassen?“ fragte er herablassend. „Ich habe Sie weitaus früher erwartet. Jetzt, da ich allerdings sehe, dass man mir statt eines Jägers eine Jägerin geschickt hat, überrascht mich Ihre Verspätung nicht mehr. Frauen sind schliesslich nicht nur schwächer, sondern in jeder Hinsicht langsamer als Männer.“
Rose ballte die Fäuste. Ihre Kiefermuskeln spannten sich vor Zorn. Doch bevor sie etwas sagen konnte, hob Meister Lembru beschwichtigend die Hände – sein süffisantes Lächeln wich dabei keinen Millimeter. „Ganz ruhig, Kindchen!“
„Auf der Stelle entschuldigen Sie sich“, knurrte Rose, „nicht nur bei mir, sondern auch bei jeder Frau – einschliesslich Ihrer Mutter, die sich jetzt wohl für sie schämen müsste!“
Das Lächeln gefror auf seinem Gesicht. Für einen Moment war sein Blick ausdruckslos. Dann räusperte er sich, hob die Hände abwehrend hoch und sprach mit steifem Tonfall: „Nun gut. Ich entschuldige mich. Setzen Sie sich.“
Widerwillig nahm Rose wieder auf dem Hocker Platz. Lembru setzte sich hinter den Schreibtisch und zog ein paar Dokumente aus der Mappe vor sich.
„Den Fall haben Sie ja bereits erhalten. Morgen brechen Sie zur Mine auf. Der Verantwortliche vor Ort wird Ihnen alles zeigen und Ihre Fragen beantworten. Unterkunft und Verpflegung sind geregelt.“
Er machte eine kurze Pause, dann verzog sich sein Mund zu einem angedeuteten Schnauben.
„Die Mine wird von einer sogenannten freien Kooperative geführt. Das bedeutet, die dortigen Strukturen unterscheiden sich deutlich von denen, die Sie aus der Stadt kennen. Keine Rangordnung, keine klare Befehlslinie – stattdessen Mitspracherecht, Gleichstellung, Konsensentscheidungen. Das ist auch ein Grund warum ich mich nicht selbst um den Fall kümmere. Ich will mit diesem aufwieglerischen Pack möglichst nichts zu tun haben, das meint bessere Verwaltunsgformen als die imperialen aufbauen zu können. Wenn ich das schon nur höre…wenn plötzlich jeder solche Ideen hätte. Meiner Meinung nach…“
Seine Stimme erhoben sich, doch er fing sich schnell wieder und brach mitten im Satz ab.
„Sie haben dort freie Hand. Ich erwarte jedoch eine effiziente, lückenlose Fallführung – nach den Vorgaben des Imperiums. Sie senden mir jeden Tag einen Bericht. Schriftlich, mit sämtlichen relevanten Details.“
Er stand auf, seine Stimme wurde schneidend:
„Halten Sie sich an diese Regeln, und wir werden uns – hoffentlich – nicht wiedersehen.“
Er ging zur Tür, blieb aber noch einmal stehen und drehte sich mit gespieltem Bedauern zu ihr um.
„Leider sind alle Betten hier bereits belegt. Ich kann Ihnen daher kein Obdach anbieten.“ Er lächelte dünn. „Aber ich bin sicher, die Einheimischen werden sich mit Freuden darum reissen, Ihnen ein Nachtlager zu gewähren.“
Rose blieb regungslos sitzen, und hob eine Augenbraue, schwieg jedoch.
„Sie dürfen gehen“, sagte Lembru schroff und wies auf die Tür.
…
Als Rose die Schenke betrat, erstarben auf einen Schlag alle Gespräche. Die kleine Halle war gut gefüllt – Zwerge beiderlei Geschlechts sassen an niedrigen, runden Holztischen, tranken dunkles Bier mit schaumigen Häuptern und bissen in kleine dampfende Pasteten. Doch jetzt hielt alles inne. Dutzende Blicke richteten sich auf die Fremde, die alle mit ihrer Grösse überragte.
Rose marschierte geradewegs durch die Schenke, an den Tischen vorbei, zum Tresen. Der Wirt, ein stämmiger Kerl mit fettigem Bart und kahlem Kopf, schenkte gerade Bier aus – und tat, als sehe er sie nicht. Rose klopfte auf die Theke. Keine Reaktion.
„Wirt!“ rief sie laut. „Ich suche ein Mahl und ein Bett für die Nacht!“
Der Zwerg sah sie abschätzig an. „Ich bediene keine Gäste, die stinken.“
Rose fuhr ohne zu zögern ihre Hand hoch, packte den Wirt am Hals und hob ihn mit einer Hand hoch. Wut flammte in ihr auf. Kein einziges freundliches Wort hatte man in dieser Stadt bisher für sie gefunden – und jetzt hatte sie genug. Um sie herum erhoben sich die ersten Zwerge. Stühle krachten, Schemel kippten. Ein Kreis bildete sich, enger werdend, bedrohlich. Der Wirt hustet, seine Füsse baumelten in der Luft, während die wütende Menge immer näher kam.
Das hatte sie nun davon.
Die Menge rückte näher, die Stimmung wurde gefährlich – da rief plötzlich eine Stimme aus dem Hintergrund: „Haltet ein, Madame! Das ist sicher nur ein Missverständnis!“
Ein kleiner Zwerg mit ungewöhnlich kurz gestutztem Bart und einem freundlichen Gesicht schob sich durch die Menge. „Ich darf doch bitten?“
Rose liess den Wirt los, der krachend hinter der Theke zu Boden fiel. Die Zwerge standen weiterhin mit finsteren Blicken um sie herum.
Der Zwerg verbeugte sich tief. „Twig ist mein Name. Und nun darf ich die verehrte Dame nach draussen begleiten?“
Er grinste dabei so freundlich, dass Rose nur nicken konnte. Gemeinsam schritten sie auf die Menge zu, die langsam zur Seite wich. Durch den entstandenen Gang bewegten sie sich auf die Tür zu.
Doch Rose konnte sich eine letzte Provokation nicht verkneifen. Sie drehte sich noch einmal um und rief den Umstehenden zu: „Ihr stinkt alle selber!“
Dann verliess sie hastig das Lokal, aus dem nun laute, zornige Stimmen drangen. Draussen wartete Twig bereits. „Selbst für ein Langbein müsst Ihr noch aussergewöhnlich jung sein“, sagte er kopfschüttelnd. „Anders lässt sich diese Unvernunft nicht erklären.“ Er sah sie mahnend an. „Ich werde Euch helfen – damit Ihr nicht mit Schimpf und Schande aus der Stadt vertrieben werdet. Aber nur, wenn Ihr versucht, Eure Impulse besser zu zügeln!“
Rose schnaufte demonstrativ aus. „Nun gut, nun gut. Und was will der edle Herr für diese Gefälligkeit?“
„Nichts“, erwiderte Twig und lächelte. „Ich helfe gern. Es ist mir ein Anliegen, das Bild der Zwerge in der Welt zu verbessern. Ich tue es aus freien Stücken. Kommt – lasst uns ein wenig gehen.“
Die Strasse war menschenleer. Der Himmel über ihnen färbte sich bereits rot, die Sonne sank langsam hinter die Berge. In der Ferne glomm das Wasser des Sees in blutigen Farben. „In der Abendstimmung ist er am schönsten“, sagte Twig leise.
Schweigend gingen sie gemeinsam die abschüssige Strasse hinab. Das Kopfsteinpflaster glänzte feucht im Licht, Möwen zogen kreischend über das Wasser. Als sie den alten hölzernen Pier betraten, fragte Twig, was sie in die Stadt geführt habe. Rose erzählte ihm von ihrem Auftrag.
Twig lächelte breit.
„Das trifft sich gut! Ich bin für die Koordination der Handelswaren aus der Mine zuständig und reite morgen zurück. Wenn Ihr mögt, reiten wir gemeinsam. Ich erzähle Euch alles über unsere Kooperative. Sie ist grossartig! Wir haben neue Formen des Arbeitens gefunden – gleichberechtigt, ohne Zwang und Hirarchien...“
Seine Augen glänzten, als er sprach. Doch dann verstummte er, denn Rose war stehen geblieben. Sie blickte hinaus auf den See, auf dessen Oberfläche sich die letzten Sonnenstrahlen spiegelten, bis das Wasser wie flüssiges Feuer glühte.
„Eindrucksvoll, oder?“ sagte Twig.
Über dem See schwebte eine grosse Stille. Nur das ferne Rufen der Möwen war zu hören, und das leise Plätschern der Wellen, die gegen die hölzernen Pfähle schlugen. Langsam erstarb das Leuchten und der Schatten des Berges legte sich über die Hafenstadt.
Rose hob den Blick zu den Bergen. Ihre Gipfel leuchteten im letzten Licht in hellem Orange, dann verdunkelte sich auch dort der Himmel, bis nur noch die weissen Gipfel schimmerten und die Nacht hereinbrach. Sie atmete tief den Duft des Sees ein. Die Kälte kroch ihr unter die Kleidung, sie zog die Kapuze über den Kopf und blickte über die dunkle See. Nichts bewegte sich mehr. Der Wind hatte sich gelegt.
„Die Berge sind wunderbar, nicht wahr, Rose?“ fragte Twig.
Doch sie antwortete nicht. Ihr Blick hing an den fernen Lichtern der Stadt, wo schon die ersten Fackeln brannten und lange, gespenstische Schatten über das Wasser warfen.
Sonnenstrahlen fielen durch das kleine Fenster und zeichneten helle Muster auf die Wände, als Rose erwachte. Für einen Moment wusste sie nicht, wo sie war – doch dann kehrte die Erinnerung zurück: Twigg hatte sie am Abend zu einer kleinen Pension geführt, wo eine ältere Zwergin sie freundlich empfangen, ihr ein helles Zimmer bereitet und eine Fischsuppe gekocht hatte, die Rose nur mit Mühe hinuntergebracht hatte. Im Wald, wo sie aufgewachsen war, gab es Fisch nur selten – und wenn, dann gebraten.
Nach einem süssen Nachtisch – Apfelkuchen mit dicker Sahne – hatte sie sich dennoch zufrieden in das viel zu kleine Bett gekuschelt. Die Decke reichte ihr kaum bis zur Brust, ihre Füsse ragten über das Fussende hinaus. Aber das war ihr egal gewesen. Sie war todmüde gewesen – und bald in einen tiefen, traumlosen Schlaf gefallen.
Jetzt, am Morgen, streckte sie sich ausgiebig, bevor sie aus dem Bett stieg. Das Unterhemd glitt von ihren Schultern. Am Abend zuvor war sie zu erschöpft gewesen, um sich zu waschen. Nun liess sie das kühle Wasser über ihre Haut laufen und genoss das prickelnde Gefühl der Frische. Durch das runde Fenster konnte sie den blauen Himmel sehen, über den die Wolken hastig zogen. Vielleicht sollte sie sich beeilen, wenn sie trocken an der Mine ankommen wollte – das Wetter sah launisch aus.
Rose nahm ihren Umhang und tupfte sich trocken. Da fiel ihr Blick auf den kleinen Spiegel an der Wand – und für einen Moment hielt sie inne. Sie betrachtete ihr Spiegelbild, nackt und aufrecht.
Wann hatte sie sich das letzte Mal so angesehen?
Eine junge Frau blickte ihr entgegen. Muskeln zeichneten sich unter der Haut ab, ihre Brüste waren klein und fest, ein winziges Bäuchlein rundete ihren Leib, die Schultern war ungewöhnlich breit für ihren ansonsten schmalen Körper. Über ihre Haut zogen sich einige Narben früherer Verletzungen. Das Haar war kurz, struppig wie getrocknetes Stroh. Rose drehte sich langsam zur Seite, dann wieder zurück. Doch das Gesicht, das sie ansah, blieb ihr fremd. Wo war das fröhliche kleine Mädchen geblieben, das einst durch den Wald gerannt war?
Aus der Räubertochter war eine Jägerin geworden. Aus dem Kind, das nie den Wald verlassen wollte, eine Wanderin, die durch fremde Städte zog. Wie viel von ihr selbst war noch in dieser Gestalt?
Ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken.
„Guten Morgen! Ich bin’s – Twigg. Bist du schon wach? Wir sollten bald los, der Tag ruft!“
Rose schritt zur Tür. „Ich mach mich nur noch frisch!“
„Sehr gut, Prinzessin! Ich warte unten – mit einem Frühstück!“
Rose drehte sich wieder ab und wendete sich ihrer Kleidung zu, die zerknüllt auf dem Boden neben dem Bett lag.
Genug geträumt. Packen wir’s an.
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"Rose – Band 3: Inselland"
Im Abschluss der Trilogie ist Rose im Auftrag des Ordens des Lichts auf geheimer Mission zur mysteriösen Feuerinsel unterwegs. Doch hinter der Fassade brodelt es: Rose weiß nicht mehr, wem sie noch trauen kann. Währenddessen kämpfen ihre Freunde mit den Folgen eines ewig währenden Winters. Der Hunger setzt nicht nur den Bewohnern des Königreichs zu, auch uralte Geschöpfe aus dem Räuberwald erwachen.
Zahlreiche Gefahren müssen überwunden werden, bis sich die beiden Handlungsstränge in einem gewaltigen Finale vereinen. Dabei geht es um nichts Geringeres als der Zukunft der Welt.
“Inselland” ist ein vielschichtiger und spannender, klassischer Fantasyroman mit facettenreichen Charakteren und atmosphärisch erzählten Schauplätzen.